Auf diese Weise wird die Musik zum vollkommenen Abbild des Wesens der Welt, da sie nie die Erscheinung, sondern allein das innere Wesen, das Ansich aller Erscheinung, den Willen selbst ausspricht.
Arthur Schopenhauer
Laszlo Otto
Die Suche nach dem Absolut-Konkreten
In früheren Epochen der Kunstgeschichte wurde die Idee der absoluten Kunst schon mehrfach aufgegriffen und interpretiert. Im Bereich der Musik entstanden aus breitgefächerten Polemiken und Paradoxa klare Definitionen dazu, was wir als absolute Musik bezeichnen können. Die Formulierung dieser schöpferischen Vision verdanken wir Richard Wagner.
In der bildenden Kunst, und innerhalb dieser im Bereich der geometrischen Kunst befasste sich Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899-1962), dessen Malerei auch oft der konkreten Kunst zugeordnet wird, mit der Frage nach der absoluten Kunst.
Im Bereich der Musik hat der Begriff der konkreten Musik nicht die gleiche Bedeutung wie der Begriff der konkreten Kunst im Bereich der bildenden Künste. Ende des XIX. Jahrhunderts wurde die Unterscheidung zwischen absoluter Musik und Programmmusik, bzw. Vokalmusik eingeführt. Als Parallele dazu existiert im Bereich der bildenden Künste die konkrete Kunst, die sich von der abstrakten und konstruktivistischen Kunst abgrenzt.
Bereits seit Beginn meiner malerischen Laufbahn (1991) beschäftigte ich mich mit geometrischen Bildern, damals war ich mir der Grenzen zwischen den verschiedenen Genre wahrscheinlich noch gar nicht bewusst. Also war die Attitüde der konkreten Kunst bereits für meine frühen, noch eher wagen Bilder charakteristisch, das heißt nicht aus dem Gegenständlichen sollte die Komposition abstrahiert werden, sondern es war das Bestreben, durch eine Art direkter Konstruktion meine inneren Bilder darzustellen. Im Laufe der Jahre kam es zu vielerlei Experimenten innerhalb der geometrischen Malerei. Dies könnte man als meine ganz persönliche Suche danach interpretieren, auf welche Weise ich die in mir verborgenen Ideen aufs überzeugendste visualisieren könnte. In meinem Düsseldorfer Atelier wurde mir 2007 bewusst, wie sich durch die notwendige Reduktion der Erfahrungswerte meiner bisher durchlebten malerischen Phasen und durch deren Verdeutlichung neue Horizonte eröffneten: Von nun an zählten meine Werke zum Genre der Konkreten Kunst. Inspiriert von dieser Erkenntnis stürzte ich mich in umfassende Studien, ich bereiste Europa, um meine Kenntnisse der geometrischen Malerei zu vertiefen. Durch den Besuch deutscher und schweizer Ausstellungen und das Studium einschlägiger Fachliteratur gelang es mir, der Konkreten Kunst immer näher zu kommen, bis auch ich in diesem illustren Kreis ausstellen konnte.
Ich wollte herausfinden, was sich Vordemberge-Gildewart unter der absoluten Kunst vorstellte, daher besuchte ich 2009 sein Geburtshaus in Osnabrück. Ich fand eine bedeutende theoretische Abhandlung: Antje von Graevnitz’ ist in ihrem Text der Ansicht, dass wir im Nachhinein nur erahnen können, in welchem Maße dem Meister die Aspekte des deutschen Idealismus und des damaligen Musikdiskurses vertraut waren. Für sie scheint es eher unwahrscheinlich, dass er den wagnerianischen Absolutismus als Basis verwendete, eher die absolute und reine Kunst Bach’s und Busonis waren für ihn maßgebend. Vordemberge-Gildewart hatte ein romantisches Verhältnis zur Idee der absoluten Kunst, und er argumentierte für die Verwandtschaft von Musik und bildender Kunst innerhalb dieser maximalistischen Idee: In seinem Abstrakt-Konkret-Absoluten Manifest erwähnt er die Beziehung zwischen absoluter bildender Kunst und absoluter Musik.
Ich erwähne all dies, weil sich mein Verhältnis zum Absoluten etwas anders gestaltet hat, und meine philosophische und kunsthistorische Herangehensweise von der seinen doch etwas abweicht.
Ohne jegliche romantische oder idealistische Attitüde formuliere ich meine Sichtweise aufgrund einer universellen Daseinsanalyse. Hierbei verbinden sich meine tiefschürfenden Untersuchungen der fernöstlichen Philosophien mit der nach dem Absoluten strebenden Idee der europäischen Denker. Die Zugehörigkeit zu Europa ist ein wichtiger Bestandteil meiner selbst, allerdings beschäftige ich mich auch unablässig mit nicht-europäischen Bewusstseinsformen, um beides miteinander zu vergleichen.
Als Maler steht für mich die Arbeit im Atelier an erster Stelle, trotz allem garantiert nur die theoretische Auseinandersetzung mit Themen eine kontinuierliche Selbstreflexion und daraus folgende Inspiration. In der konkreten Kunst finde ich neue Wege und innovative Methoden, die spirituelle-metaphysische Vertiefung wiederum schärft das Bewusstsein. Auf diese Weise kann ich für meine Bilder eine Basis schaffen, die die Erschaffung universeller Raster und kosmisch organischer Strukturen ermöglicht.
Dies ist meine Motivation auf der Suche nach der absoluten Kunst, welche Ganzheit ist, Vollkommenheit, Ordnung, Universalität, Bedachtheit, Bewusstheit, Selbstsein und eigener Wille. Für mich ist dies der Inbegriff der Freiheit, frei von den, irreleitenden, selbstzerstörerischen Bezügen des zwanghaften Individualismus und der „individuellen Mythologie“. Durch die Malerei möchte ich die höchstertigen Möglichkeiten des menschlichen Daseins darstellen, sowohl für mich selbst, als auch für andere. Meine Bilder sollen Wegweiser in Richtung des Ganzheitlichen sein. Meditationsobjekte, Mandalas. Unter den der geistigen Vertiefung dienenden, konzentrierten Bildern sind die fernöstlichen Yantras essentielle, „letzte“, zusammenfassende geometrische Darstellungen. Man könnte sagen, dass es sich hier um Mitteilungen über den heiligen Anfang handelt: Sie sprechen das Unausprechliche und nicht Darstellbare gerade noch aus, stellen es gerade noch dar. Der Künstler ist in der Lage Brücken zu schlagen, zwischen der nach Vollkommenheit strebenden Person und dem angestrebten, realisierbaren Daseinszustand. Auf diese Weise wird der Mensch durch das ästhetische Erlebnis zu seinem naturgegebenen selbst.
Eine Voraussetzung der konkreten Kunst ist, dass das Werk für sich selbst steht, sich nicht durch fremde, von Außen diktierte, sondern durch seine eigenen inneren Gesetzmäßigkeiten offenbart. Das Gleiche kann man auch von bestimmten westlichen und östlichen Daseinsauffassungen behaupten, denen zufolge der Mensch nach seinen eigenen inneren Gesetzmäßigkeiten suchen muss, um zur Selbsterkenntnis zu gelangen und durch die so gewonnene Ordnung einen Akt der Befreiung zu vollziehen, um von da an nicht mehr von äußeren Geschehnissen bestimmt zu werden. So gesehen scheint die Auffassung der konkreten Kunst als „Ismus“ weniger zeitbezogen als bei den übrigen avantgardistischen Strömungen, da sie den Menschen mit der Universalität verbindet, wie es schon Theo van Doesburg in seinem 1930 erschienenen Manifest formuliert.
All dies sind Gründe dafür, dass ich mich in meiner Arbeit um strengen Aufbau, Ordnung und präzise Ausführung bemühe, gleichzeitig bieten diese Prinzipien mir die Freiheit, immer neue Werke zu erschaffen.
Die Titel meiner Bilder sind aufgrund des oben Erörterten sehr komplex, sie bestehen aus lateinischen (westlichen) und Sanskrit (östlichen) Begriffen. Nehmen wir als Beispiel den Titel 'Yantra-ipsum-līlā'. Die Bedeutung des Begriffes 'Yantra': (der geistigen Vertiefung dienendes) Hilfsmittel, auch ich verwende den Begriff in dieser etwas breiteren Bedeutung, obwohl er im Westen oftmals nur als magisches, geometrisches Zeichen bekannt ist. Der Begriff 'līlā' bedeutet: Göttliches, kosmisches Spiel. Der Bergriff 'ipsum' bedeutet: Sich Selbst.
Der Titel des Bildes bedeutet also: Kontemplationsinstrument, oder Bild ‚an sich’, welches ein 'kosmisches Spiel' ist".
Dieses „Sich-Selbst-Sein“ hat mehrerlei Bedeutung. Eine der Grundvoraussetzungen der konkreten Kunst ist es, dass das Werk „es selbst“ ist, das heißt es soll weder symbolisch sein, noch soll es die Abstraktion von etwas sein. Kurzum es soll nichts anderes bedeuten als sich selbst. Die Bilder können auch so betrachtet werden: Der Rezipient kann sich dem gebotenen Anblick hingeben und das Werk mit vollkommener interpretatorischer Offenheit erleben. Dies lässt sich vielleicht am besten folgendermaßen beschreiben: Das Werk hat an sich keine Bedeutung, aber seine Reinheit ist sehr wohl von „Bedeutung“. Andererseits kann es auch hartnäckigere Frager geben, die nach weiteren Erklärungen suchen. Das „Sich-Selbst-Sein“ kann sich auch darauf beziehen, dass der Rezipient das Werk durch intensivere Betrachtung intuitiv erlebt, so dass sein innerstes Wesen sich analog zu dieser geordneten, konzentrisch oder axial symmetrischen Welt verhält. Das konkrete Gemälde entsteht einerseits aus seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten, andererseits stimmen diese Gesetzmäßigkeiten mit denen des menschlichen Dasein und der Existenz überein. So gesehen ist die Bilderwelt keine Abstraktion einer anderen Welt, sondern die konkrete Identität.
Meiner Auffassung nach ist das absolute Ziel der konkreten Malerei die Freilegung der Prinzipien. Die Welt der Absolut-Konkreten Kunst ist weit entfernt von der vergänglichen Selbstdarstellung des Individuums. Trotz allem ist das bereits erwähnte „Spiel“, līlā charakteristisch für diese Welt. In einigen Bildern platziere ich die farbigen Elemente spontan auf dem auf der Fibonacci-Folge basierenden, metrisch konstruierten Raster. Während die Konstruktion und die Linienführung strengen Regeln folgen, ist die Farbwahl eine Reihe mit Leichtigkeit getroffener Entscheidungen. Eine dergestalte Beherrschung des Spiels von Bewusstheit und Spontaneität setzt festen Willen voraus. Willen ist notwendig, um nicht aus dem Rahmen des Spiels zu fallen, und innerhalb der komplexen und weitläufigen, farbigen Spielfäden Freiheit zu bewahren.
Die wahre Kunst ist ein dazu geeignetes Hilfsmittel für den Menschen. In dieser kosmischen „Privatrealität“ beschäftigt sie sich nicht mit oberflächlichen Phänomenen, sondern mit dem Wesentlichen, und überträgt mit ihren eigenen subtilen Mitteln, Musik, Malerei, den „spielerischen“ Willen des Schöpfers in den Raum.
Auf diese Weise erforsche ich das Absolut-Konkrete.
Budapest, Januar 2014
Gedankensplitter
Die höheren Ordnungsprinzipien der Axialität und der Zentralität weisen analogisch auf den Anfang, den Ursprung des Seins und dessen Urgrundlage: auf die Anfangslosigkeit. Die unsichtbaren Welten werden in der Geometrie sichtbar – durch das sich hinter der sichtbaren Welt befindendene Reich der geordneten Zahlen.
2014
Das schwarze Pigment – der Farb-Verschlinger
Das Schwarz – das Jenseitige der sichtbaren Welt.
Die Leerheit des Schwarzes – wie das Nichtsein
Das Schwarz – als das dem Licht Vorangehende
Das Schwarz – wie der Tod, von dessen Bedeutung der moderne Mensch nichts weiß.
Die Transzendenz des Schwarzen – als die Einheit des universellen Wissens vor den Religionen, das noch undifferenzierte Geheimnis.
Die Suche nach dem Sinn der Welt, des Seins – durch die Kunst.
Die Erforschung der Tradition, der Wahren-Metaphysik, der Ursprung — durch die Malerei.
Das aufleuchtende Schwarz - als Wissen.
Bilder des Anfangs – durch das Schwarz.
2011
Aus dem ordnungswidrigen Zustand zum Urzustand der Welt, zur Leere, und dann in die Vorschöpfung, welche das Potential der sich entfaltenden Schöpfung ist.
Die Idee dieser anfänglichen virtuellen Schöpfung wird in der Dualität der Emanation sichtbar. In der Apokalypse, in der Freilegung erscheint wieder die universelle Möglichkeit: Die absolut reine, kosmische Ordnung des neuen Lichtanfang.
2009
Aus dem Zentrum der Anfangslosigkeit schaffen die hierarchisch geordneten Zustände auch an der Peripherie Ordnung. Aus dem an der Peripherie aufgebauten organisch-kosmischen Zustand ist es möglich, zum anfangslosen Nullpunkt zu gelangen.
2014
In der Hierarchie beziehen sich die Stufen der Gradualität so aufeinander, dass wir nach dem Durchschreiten des Ganzen den transzendenten Mittelpunkt erreichen können. Zugleich ist auch, ausgehend von diesem Nullpunkt, in diesem organischen Prozess durch den Grad der Stufen der Zusammenhalt der Peripherie möglich.
2014
Rasterkomplexität als selbstregulierendes Ordnungsprinzip des Bewusstseins. Aus der um den Mittelpunkt geordneten qualitativen Struktur resultiert Einheit; eine solche Einheit oder sich organisch anbindendes System, auf dessen Analogie eine Stadtgründung oder Kulturschöpfung möglich ist.
2014
Laszlo Otto
Laszlo Otto | Bilder des Anfangs
Ausstellung bei dr.julius|ap, Berlin
17. Februar bis 26. März 2011
Bilder des Anfangs
Geburt – die Nähe der Natur, Stille.
Die Natur – nicht von der Natur stammend.
Mensch – mit Leben-Ziel, mit Sein-Aufgabe. Metaphysik.
Maler – Leben-Sein.
Sein als Leben – geistige Aufgabe. Selbsterkenntnis, Weg von Begehung von Ich-Selbst.
Auch Kunst – geistige Aufgabe, Dienst für Allerhöchst.
Zeitalter – zuerkannt.
Die Gegenwart – die Post-Postmoderne, die Krise des Bewusstseins. Materialismus der Geistigkeit.
Schöpfer-Künstler – Idee entsteht.
Schöpferischer Prozess – durch Erfahrungen.
Wert, Maß – immerwährende, ewig. Absolutum.
Ordnung – Geometrie, Reinheit.
Moderne – Teillösungen, Komfort-Technik, mit verlernbare geistige Werte.
Vollständigkeit – die Wichtigkeit des Anfangs.
Die Lehre der Meister ist wichtig – aber weiter nach der Gegenwart und ins eigene Zentrum.
Ohne Ismen – aber durch diejenigen Erfahrungen kommt das Werk zustande. Paradoxon.
Auch durch 'Suprematismus und Gefühl bloß' – aber immer mehr ist klares Bewusstsein das Bild.
Auch durch 'Konstruktivismus und Revolution-Zweckmäßigkeit' – aber lieber mitSeele-konstruktiv-Vorhaben. Boddhisattva.
Auch durch 'Neoplastizismus und unssymetrische Ordnung' – aber vielmehr bewegungslose Symmetrie, mit Wichtigkeit der Kreis.
Auch durch 'Konkrete és Partialheit, individuelle-Systeme' – aber weiter bedacht als
Bilder der überpersönlichen Universalität, als-Ich-Selbst – Sein-Bewusstsein. Anleitung ist das Gemälde, mit Bedeutung.
Auch durch 'Ad Reinhardts Malerei und " Letzte Bilder" ' – aber dennoch als Bilder des Anfangs, die für Beginn des Wegs sollte.
Auch durch 'Minimalismus und bloß Gegenstand-Formalismus' – aber eher als metaphysisches Objekt.
Auch durch 'Op-art und Störung von Wahrnehmung' – aber für aufwecken von wachsames Sehen.
Auch durch 'Strukturalismus, Beschaffenheit-Undifferentiell' – aber auch mit Strukturen der aufgedeckten Qualitäten kompilieren.
Die Ismen hinsterben – die Einheit unvordenklich. Advaita-vedānta.
Universale Kunst – nichtbloß West-zentrale Kunst.
Geistige Bider des Osten – Yantra, Mandala.
Bild – als Bild von Ich-Selbst.
Statt Weltanschauung und Philosophie – Seinanschauung, Kontemplation.
Meditativ-Objektum – als zeitgenössisches Gemälde.
Geometrie-Maßen mit Bewegungslosigkeit – als Berichtigung des Bewustseins in nicht-Dualität.
Verzichtende der Farbe – als Polarität der Oberflächlichkeit der Moderne und Leben.
Schwarzes Pigment – als Absorbierender der Farben.
Schwarz – als das Jenseits über sichtbare Welt.
Die Leerheit des Schwarzes – als Nicht-Sein.
Schwarz – als Licht-zuvor.
Schwarz – als Sterben, wofür Bedeutung kennt der moderne Mensch nicht.
Transzendenz von Schwarz – als Unität des generellen Wissens vor der Religionen, noch nicht differentielles Geheimnis.
Suche des Sinns von Welt und Sein – durch Kunst.
Tradition, rechte Metaphysik, Forschung des Ursprungs – durch Malerei.
Aufglitzertes schwarz – als Können.
Bilder des Anfangs – durch das Schwarz.
Laszlo Otto
Vekeny in Süd Ungarn, im Februar 2011